21
Es war kurz nach Tagesanbruch, als Claire in ihrem Quartier vor der Duschkabine stand und das Wasser aufdrehte. Blicklos starrte sie in den warmen Dampf, der hinter der Scheibe aufzusteigen begann.
Sie verlor ihn schon wieder.
Wegen Wilhelm Roth.
Ihr wurde durch und durch kalt bei dem Gedanken daran, was Roth Andreas bereits genommen hatte, ebenso wie ihr. Zitternd vor dieser Kälte, die ihr bis ins Mark drang, stellte sie sich unter den dampfenden Strahl. Schon in wenigen Stunden würde die Sonne wieder untergehen und Andreas sich dem Orden auf seiner Kampfpatrouille anschließen - in die Stadt, in der Roth sich gerade aufhielt. Es konnte sein Aufbruch in den Tod sein.
Er hatte ihr klargemacht, dass nichts, was sie sagte, ihn davon abhalten würde, dem Orden seine Hilfe anzubieten. Nichts würde ihn aufhalten, weiter der Gerechtigkeit nachzujagen, die er so dringend brauchte, koste es, was es wolle. Nicht einmal die Liebe würde ihn aufhalten, die sie nach so langer Zeit der Trennung wiedergefunden hatten.
Immerhin ging er diesmal nicht ohne Erklärung. Er hatte seine Gründe. Gute, edle Gründe, die es jedoch nicht leichter für sie machten, die Wahrheit zu akzeptieren.
Ein verzweifelter, egoistischer Teil von ihr wäre am liebsten sofort in die Kapelle des Ordens zurückgerannt, um ihn zu bitten, es sich noch einmal zu überlegen. Sie würde ihm alles versprechen, ihn mit Engelszungen überreden.
Doch sie wusste, dass er seine Meinung weder ändern konnte noch wollte.
Dafür war er zu sehr Ehrenmann.
Und sie liebte ihn zu sehr, um von ihm zu verlangen, dass er nur um ihres gebrochenen Herzens willen seine Integrität verriet. Aber bei Gott, es tat so weh, ihn gehen zu lassen, ihn womöglich für immer zu verlieren.
Schmerz und Zorn überwältigten sie.
Sie fühlte sich so verwirrt und verängstigt... schon jetzt so allein.
Claire ließ sich auf den gekachelten Boden der Dusche sinken und vom heißen Wasser und Dampf einhüllen. Sie schloss die Augen und dachte daran, wie schwer es für sie werden würde, wenn er heute Nacht gemeinsam mit den Kriegern fortging. Dass sie im Hauptquartier auf seine Rückkehr warten würde, machte ihr das Herz etwas leichter. Allerdings nur, bis sie sich klarmachte, dass er dort draußen auf der Suche nach seinem Kampf mit Roth war. Und wenn sie auch noch Dragos einkalkulierte?
Den Ausgang einer Konfrontation von diesen Ausmaßen wagte sie sich kaum vorzustellen.
Doch was konnte sie tun, um sie zu verhindern?
Irgendwo aus einem Winkel ihres Verstandes flüsterte ihr eine leise, verzweifelte Stimme zu, dass es da etwas gab. Etwas, woran sie bisher noch gar nicht gedacht hatte. Etwas, das ihr so zuwider war, dass ihr die Galle hochkam.
Sie konnte selbst zu Roth gehen.
Nicht, um ihn um Gnade zu bitten, denn sie wusste, dass er keine kannte, schon gar nicht im Moment. Nicht, wenn es um sie oder Andreas ging.
Aber so sicher sie sich dieser Tatsache auch war, wusste sie auch, dass Wilhelm Roth es zutiefst verabscheute zu verlieren.
Selbst in völlig bedeutungslosen Auseinandersetzungen hatte er sich stets danach verzehrt, zu gewinnen. Ob er bereit wäre, das Einzige, das sie ihm noch anzubieten hatte, zu akzeptieren?
Das konnte Claire nicht wissen, bevor sie es nicht versuchte. Was sie vorhatte, widerte sie selbst an.
Aber sie hatte das Gefühl, dass es, was Andreas anging, ihre letzte Hoffnung war. Sie lehnte den Kopf zurück und verlangsamte ihre Atmung. Sie war geübt darin, sich schnell in den Schlaf zu versetzen, doch Roth zu finden - von dem sie hoffte, dass er ebenfalls schlief - war nicht ganz so einfach. Sie überließ sich dem Schwinden ihres Bewusstseins und trieb in Richtung Traumgefilde, hielt Ausschau nach Roth und betete, ihn dort zu entdecken.
Es dauerte einige endlose Minuten, bis sie durch den Schleier des Schlummers die Ränder seines träumenden Geistes spürte. Ihr Magen verwandelte sich in einen Eisklotz, als sie sich ihm näherte und dabei sämtliche Instinkte in ihrem Inneren ignorierte, die ihr zuschrien, in die entgegengesetzte Richtung zu fliehen, so schnell sie konnte.
Jetzt sah sie ihn vor sich. Er drehte ihr den Rücken zu, während er eilig einen Raum durchquerte, offenbar eine Art Erdgruft. Leise folgte ihm Claire und legte sich dabei ihre verzweifelte Bitte zurecht.
Vor ihm öffnete sich eine schwere Tür, um ihn durchzulassen. Claire schlüpfte hinter ihm hindurch, gerade als die dicke Steinplatte wieder zuschwang.
Roth murmelte vor sich hin, unverständliche Worte voller Gehässigkeit und Verdrossenheit. In dem anderen Raum, der klinischer wirkte als der Vorraum, stürmte er an einer Arbeitsplatte entlang, auf der Mikroskope, Tiegel und Messbecher aufgereiht standen. Als er sich ihrem Ende näherte, schnellte seine Hand vor und fegte etliche der Gerätschaften zu Boden. Claire schnappte nach Luft, als direkt vor ihr Glas zu Bruch ging.
„Was zur Hölle...“ Roth wirbelte herum. Als er sie sah, verengten sich seine grausamen Augen, und er lachte, ein gereiztes, gefährliches Grollen in seiner Kehle. „Sieh mal einer an. Meine treulose Schlampe von Stammesgefährtin.“
Sie ließ sich durch seinen verbalen Hieb nicht verletzen. „Wir müssen reden, Wilhelm. Du und ich müssen zu irgendeiner Art Verständigung kommen, bevor sich die Dinge zwischen dir und Andreas noch weiter zuspitzen.“
Jetzt gluckste er, ehrlich belustigt. „Lass mich raten - er hat dich geschickt, um an mein Mitleid zu appellieren? Oder an meinen Sinn für Humor?“
„Nein, er hat mich nicht geschickt. Er weiß nicht einmal, dass ich hier bin.“ Als er neugierig die Augenbraue hob, sprach sie rasch weiter. „Ich bin gekommen, um dich zu bitten, dich von Andreas fernzuhalten. Begrabe deine Feindseligkeit gegen ihn und mich und lass ihn sein Leben leben.“
Roth höhnte nur. „Das ist doch nicht dein Ernst.“
„Doch“, erwiderte Claire. „Und ich bin bereit, dir alles dafür zu geben, was ich habe, wenn du mir hier und jetzt dein Wort gibst. Ich komme zu dir zurück, Wilhelm. Mach mit mir, was du willst - lass deinen Hass auf ihn an mir aus, es ist mir egal. Lass ihn nur einfach in Ruhe. Bitte.“
Seine Augen wurden schmal wie Rasierklingen, sein Blick schneidend vor Bösartigkeit. „Bist du wirklich so naiv, Claire? Ich habe kein Interesse mehr an ihm“, sagte er vollkommen emotionslos. „Und an dir auch nicht.“
Ein Hoffnungsschimmer, schwach, aber verheißungsvoll. Doch dann brach Roth in ein so schreckliches Gelächter aus, dass sich ihr die Nackenhaare aufstellten. „Es ist mir nie um dich gegangen, Claire. Hast du das etwa nicht gewusst?
Nie geahnt? Du warst nur eine Trophäe, die ich wollte, weil es bedeutete, ihm etwas Wertvolles wegzunehmen. Seinen Dunklen Hafen zu vernichten und die Menschen, die ihm am nächsten standen, war ein Vergnügen, das ich so nicht erwartet hatte.
Eines, das ich nichtsdestotrotz sehr genossen habe.“
„Du bist krank, Wilhelm.“ Ihr Magen verkrampfte sich vor Verachtung. „Mein Gott, du bist wirklich ein Ungeheuer.“
„Und du, Claire, du bist für mich schon tot“, flüsterte er, seine Stimme war ein tonloses Grollen, das sie bis ins Mark frösteln ließ. „Du und Andreas, ihr seid beide schon tot. Ihr wisst es nur noch nicht.
Ihr seid Hindernisse auf dem Weg zur wahren Größe, und ihr werdet beseitigt werden. Ihr und der Orden.“
„Ist das dein Versprechen an Dragos?“, fragte sie hölzern. „Wie lange machst du schon die Drecksarbeit für ihn?“
Roth quittierte ihren Abscheu mit einem maliziösen Lächeln. „Unsere Revolution hat schon begonnen, bevor ich die Fehlentscheidung traf, dich zur Gefährtin zu nehmen. Ich hätte mich nie damit aufhalten sollen, meine Zeit mit dir zu verschwenden, egal, wie sehr es mir auch gefallen hat, zu wissen, was ich dir und Reichen dadurch genommen habe. Es wäre wohl genauso befriedigend für mich gewesen, dich Dragos zu übergeben, wie die anderen Frauen, die ich ihm im Lauf der Jahre besorgt habe.“
Claire bemühte sich zu verstehen, was er eben gesagt hatte. Andere Frauen. Roth lieferte Dragos Frauen - meinte er Stammesgefährtinnen? Zu welchem Zweck, fragte sie sich, brauchte aber nur einen Moment, um es zu erraten.
Aus dem Traumäther tauchte plötzlich eine Wand mit verschlossenen Zellentüren auf. Dunkle, lichtlose, schreckliche Gefängnisse. Und in ihnen waren Frauen eingesperrt. Stammesgefährtinnen. Sogar von ihrem Standort aus konnte Claire an einigen von ihnen das Mal mit der Träne und der zunehmenden Mondsichel erkennen.
Das gleiche Mal, das auch sie selbst trug. Das gleiche Mal, das eine Menschenfrau kennzeichnete, die in der Lage war, sich mit einem männlichen Stammesangehörigen zu paaren und seinen Nachwuchs auszutragen.
Gütiger Gott, in diesen Zellen waren mehr als zwanzig Frauen eingesperrt. Ihr Magen geriet in noch quälenderen Aufruhr, als sie sah, dass einige von ihnen schwanger waren.
„Was geht hier vor?“, fragte sie entsetzt und angeekelt. „Was zum Teufel macht ihr da, du und Dragos?“
Noch während sie sprach, vor Empörung immer lauter werdend, schnappte sie das leise Geheul eines Tiers auf, das von irgendwo tief unter der Stelle drang, an der sie und Roth standen. Das Heulen schwoll zu einem Brüllen an - einem gequälten, klagenden Schrei, der in ihren Fußsohlen vibrierte und ihr durch Mark und Bein ging.
Es ähnelte nichts, was sie je gehört hatte... ein absolut fremder Laut, der ihr vor Schreck das Herz zusammenschnürte.
Mein Gott, was für ein Ort war das hier? Welche Gräuel veranstalteten Dragos und Roth hier?
Das entsetzliche Geschrei hielt an, so laut, dass es den Boden unter ihren Füßen in Resonanz versetzte.
Roth warf den Kopf in den Nacken und äffte das Geheul der unsichtbaren Kreatur nach, höhnisch und sadistisch.
Dann lächelte er ein mörderisches Lächeln. „Du bist tot, Claire. Genau wie die Stammesgefährtinnen da drüben. Er wird dir ein Glied nach dem anderen ausreißen. Es sei denn, ich hätte als Erster das Vergnügen. Denk daran, wenn du dich das nächste Mal von Reichen anfassen lässt. Wenn du dich das nächste Mal von ihm vögeln lässt, weißt du, was dich erwartet. Ich werde euch beide töten, und ich werde es mit wahrer Wollust tun.“
Dann waren Roth und die Schreckenskammer von einem Moment auf den anderen verschwunden. Er hatte das Netz durchtrennt, das sie im Schlaf verband, und Claire erwachte zitternd und keuchend unter dem warmen Sprühregen der Dusche.
„Oh Gott“, japste sie und vergrub das Gesicht in den nassen Handflächen. „Oh mein Gott... was habe ich getan?“
Nur wenige Minuten nach dem Aufwachen begriff Wilhelm Roth, was für einen schweren Fehler er gerade mit Claire begangen hatte.
Zunächst war er schockiert gewesen, sie in seinen Träumen zu sehen - er hatte nicht damit gerechnet, dass die Frau den Mut aufbringen würde, sich in seine Nähe zu wagen, selbst im Reich des Schlafs.
Nicht, nachdem sie wissentlich seinen Zorn entfacht hatte, indem sie mit diesem Andreas Reichen herumhurte. Nachdem die Überraschung darüber abgeklungen war, dass sie sich an ihn herangepirscht hatte, hatte er sich dazu hinreißen lassen, sie zu provozieren, und ihre Angst mit einem erbarmungslosen Blick auf das genährt, wozu er und Dragos fähig waren.
Es hatte ihn entzückt, sie das wilde Brüllen des Ältesten in seinem Käfig hören zu lassen. Und ihr Entsetzen beim Anblick der gefangenen Stammesgefährtinnen, die Dragos für allerhand Experimente benutzte, hatte ihm einen köstlichen sadistischen Kick versetzt.
Nun, da er wach war, hatte er Zeit, über den Preis nachzudenken, den sein kleines Spielchen ihn kosten würde. Er hatte ihr das Labor und den unterirdischen Bunker gezeigt, wo Dragos all seine Geheimnisse aufbewahrte.
Würde sie verstehen, was sie gesehen hatte? Er hoffte nicht. Claire hatte einen wachen Verstand, aber was konnte sie mit diesem Wissen schon anfangen?
Es dem Orden erzählen, natürlich, aber Gott sei Dank rechnete Dragos bereits mit einer Aktion der Krieger in Boston. Seit sie die Versammlung in der Nähe von Montreal gestört hatten, war er darauf gefasst, dass der Orden ihn ausfindig machte. Dragos hatte entsprechende Pläne geschmiedet, Züge auf dem Schachbrett seines Masterplans.
Dennoch wusste Roth, dass er seinen Lapsus nicht einfach unerwähnt lassen konnte. Denn Dragos würde die Wahrheit im Nu herausbekommen. Er musste sich zu seinem Fehler bekennen und die Dinge einfach laufen lassen. Mit ein wenig Glück würde sein Kopf dabei nicht in die Schlinge geraten.
Während er sich seine Entschuldigung zurechtlegte, wählte er Dragos' Privatanschluss.
„SIR“, sagte er, als der andere Vampir sich mit einer knurrenden Begrüßung meldete. „Verzeihen Sie die Störung, aber ich habe Neuigkeiten, die leider keinen Aufschub dulden.“
„Reden Sie.“
Roth erzählte ihm von seiner Traumbegegnung mit Claire. Dabei achtete er sorgfältig darauf, seine eigene Schuld an dem Ausrutscher größtenteils unter den Teppich zu kehren und alles auf die wieselhafte Hinterlist seiner Stammesgefährtin und ihre besondere Gabe zu schieben. „Sie hat mir ohne mein Wissen nachspioniert, Sir. Als ich sie in meinem Traum entdeckte, war es schon zu spät, um zu verhindern, dass sie das Labor sah.“
„Hmm“, grunzte Dragos, der in unerträglichem Schweigen zuhörte. „Ich bin es leid, dass dieses Weib und ihr Gefährte immer noch am Leben sind, Herr Roth. Da Sie ohnehin in Boston einiges zu erledigen haben, ist es vielleicht an der Zeit, mit ihr zu verfahren, wie wir besprochen haben.“
„Ja, Sir. Das werde ich.“ Er räusperte sich und spürte Dragos' Aggression förmlich durch die Leitung fließen, auch wenn er nach außen gelassen klang. „Es wird mir ein persönliches Vergnügen sein, das Leben aus dieser Schlampe herauszupressen - nachdem ich sie habe zusehen lassen, wie ich Andreas Reichen töte.“
„Ich habe eine bessere Idee“, sagte Dragos, seine Stimme klang sanft und gehässig. „Ich möchte, dass Sie bei Sonnenuntergang in die Zentrale kommen.“
„Sir?“ Roth war verwirrt. „Was ist mit der Blutsverbindung?“
„Was soll damit sein?“
„Wenn sie dem Orden erzählt, was sie heute gesehen hat, woher wollen wir wissen, dass die Krieger nicht ihre Blutsverbindung nutzen, um mich und das Labor zu orten?“
Das Zögern am anderen Ende war nur äußerst kurz. „Seien Sie bei Sonnenuntergang hier, Herr Roth.
Ihre Instruktionen werden Sie erwarten.“